Endlich ist die Wehrpflicht vor dem Aus. Ich finde das gut. Ich kenne kaum jemanden, der - wie es ja gerne behauptet wird - meint, dass der Zivildienst ihn positiv geprägt hätte.
Nun kann man von verschiedenen unerwarteten Seiten Proteste gegen diesen Vorschlag. Diverse soziale Einrichtungen bangen darum, keine
Sklaven billigen Arbeitskräfte mehr zu bekommen. Man stelle sich vor, soziale Einrichtungen müssten ohne Zwangsarbeit finanziert werden - undenkbar!
Somit gibt es verschiedene Vorschläge. Einig scheint man sich darüber zu sein, dass Zivildienst in irgendeiner Form unbedint notwendig ist. Auf
Zeit Online liest man zum Beispiel den Vorschlag einer allgemeinen Pflicht der Jugendlichen, Zivildienst zu leisten. Begründet wird das soweit ich es verstehe damit, dass man Jugendliche in die Pflicht nehmen soll, sich für die Gesellschaft einzusetzen.
Ich persönlich sehe hinter diesem Moral-Argument allerdings hauptsächlich ein Interesse: Geld. Wenn man Jugendliche per Gesetz zwingt, in sozialen Einrichtungen zu arbeiten, haben diese grundsätzlich eine erhöhte Schwierigkeit, sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen zu wehren, und man kann die Löhne herunterdrücken. Das spart potenziell Geld. Andernfalls müsste man die sozialen Berufe lukrativer gestalten, und das wird nicht passieren - man braucht soziale Einrichtungen so dringend, dass man seine Jugendlichen dazu zwingt darin zu arbeiten, aber so dringend dass man dafür Geld ausgeben will dann doch nicht.
Ebenfalls auf Zeit Online fand ich
diesen Artikel. Dieser Artikel erregt in mir im Wesentlichen Verwunderung und Empörung. Anfangs klingt die Argumentation noch nachvollziehbar, der Kommentator spricht sich gegen Wehrpflicht aus. Doch dann kommt er auf den Zivildienst.
"
Soziale Einrichtungen (...)
konnten sich bis dato auf einen nicht abreißenden Strom günstiger
Arbeitskräfte verlassen und müssen nun (...) ihre Leistungen zurückschrauben.", so schreibt er.
Geht es nur mir so, dass mir bei diesem Satz schlecht wird? Was dieser Satz effektiv aussagt ist, dass durch das Wegfallen des Zivildienstes günstige Arbeitskräfte nicht mehr in soziale Einrichtungen gezwungen werden, und dementsprechend die sozialen Einrichtungen weniger leisten können. Ein "strom günstiger Arbeitskräfte" - wtf? Ist es das, was alte Menschen in Deutschlands Jungen Männern sieht? Wen wundert da noch die Politikverdrossenheit, die man Diesen zuspricht?
Aber es geht noch weiter. Die Argumentation ist inetwa, dass die Studenten, die gegen Studiengebühren demonstrieren, oft mit Solidarität argumentieren. Und Solidarität dürfe keine Einbahnstraße sein. Nun, die Person geht davon aus, dass Studiengebühren ein absolutes Muss sind, damit stimme ich zwar nicht überein, aber dies ist ein anderes Thema. Die Lösung des Problems sei es jedenfalls, den Menschen, die Zivildienst leisten, ihre Studiengebühren zu erlassen. Das sei in irgendeiner Weise solidarischer.
Diese Argumentation hat so viele Flaws dass ich garnicht erst versuche sie hier alle darzustellen.
Zum Einen wird hier zum Beispiel vergessen, dass eigentlich nur ein kleiner Teil der Jugendlichen wirklich später studieren soll. Das hat nichts mit Elitismus zu tun, ich lehne Elitismus in den meisten Fällen ab, aber es ist einfach so, dass nicht jeder auf eine Universität gehört. Ich sehe nicht ein weswegen ausgerechnet die Studenten bzw. die studierwilligen Menschen dazu gezwungen werden sollten, Zivildienst zu leisten? Selbes gilt natürlich auch für Auszubildende. Es gibt genügend Jugendliche die effektiv garnichts tun wollen.
Es gibt sicher auch genügend Arbeitslose, die froh wären, selbst in einem sozialen Beruf. Natürlich müsste man die dann wieder entsprechend entlohnen.
Die Entlohnung ist aber wohl der größte Flaw bei dem vorgeschlagenen System: 5000 Euro Studiengebühren könnte man sich wohl inetwa sparen, wenn man zehn Monate Zivildienst macht. Das heißt, der Staat müsste rechnerisch 500 Euro pro Monat aufwenden. Freilich kann man einen Zivildienstleistenden auch nicht einfach ohne Essen und Unterkunft lassen, die zusätzlich kostet - ich bescheinige mal 400 Euro pro Monat Lebenshaltungskosten, die man wenn man sie nicht auszahlt auf die Eltern abwälzen würde, was man ja auch nicht unbedingt will. Womit wir bereits bei 900 Euro wären. Der Staat müsste also 900 Euro pro Monat bezahlen. Ich frage mich, ob man für 900 Euro pro Monat nicht auch gleich eine normale Person anstellen könnte. Gehen wir von einer 40-Stunden-Woche aus, so arbeitet man etwa 170 Stunden im Monat, das wären etwa 5,30 Euro Stundenlohn.
Auch aus rein finanzieller Sicht eines Studenten ist dann die Frage, ob man dann nicht lieber ein paar Monate lang einen Job mit anständigem Stundenlohn annimmt, und etwas sparsam lebt. Oder gleich einen Hiwi-Job anstrebt.
Ich finde, an dieser Argumentation sieht man gut das eigentliche Problem: Ein eigentlich ziemlich niederer Beweggrund - Geld - wird hinter fehlgeleiteten Moralvorstellungen versteckt.
Mein Vorschlag wäre nach wie vor, die Zwangsarbeit abzuschaffen. "Vergünstigungen" für freiwillige soziale Jahre darf und soll es durchaus geben, beispielsweise eine Verbesserung von NC-Regeln (oder gleich die Befreiung von NCs), eine Bevorzugung in Anmeldelisten bei begrenzter Kapazität von Universitäten, eine bevorzugte Aufnahme in studentischen Wohnanlagen, etc. - das Primärziel sollte vor Allem sein, dass keine Nachteile entstehen.
Warum sollte man aber freiwillige soziale Jahre auf diese kleine Personengruppe beschränken?
Wie wäre es damit, ein freiwilliges soziales Jahr auch für jüngere Personen zu erlauben? Personen die die Schule vielleicht mal ein Jahr aussetzen wollen, natürlich ebenfalls mit Vergünstigungen verbunden. Zum Beispiel würde das Angebot, dass wer ein absolviertes freiwilliges soziales Jahr nachweisen kann seinen (uneingeschränkten) Führerschein bereits mit 17 Jahren machen darf, sicher viele Leute dazu bewegen. Wie wäre es mit der Möglichkeit, eine verfrühte Wahlberechtigung zu erhalten? Wer so viel geistige Reife hat, sich für die Gesellschaft einzusetzen, der hat auch die geistige Reife ein Auto zu fahren und zu wählen.
Wie wäre es weiterhin damit, arbeitslosen Personen zusätzliche Rechte einzuräumen, wenn sie ein freiwilliges soziales Jahr machen? Zum Beispiel den Aufschub diverser Deadlines, eine erhöhte Anrechnung auf die Rentenversicherung, und so weiter.
Generell könnte man Leuten zum Beispiel für das eingesparte Geld für begrenzte Zeit ihre Praxisgebühren erlassen.
Es gibt immer wieder Menschen die Wendepunkte in ihrem Leben erreichen, und kurze Zeit nicht wissen, was sie tun sollen. Zu versuchen, diese Menschen abzufangen erscheint mir jedenfalls erheblich sinnvoller als Jugendliche von ihrer Ausbildung abzuhalten, auf welche Weise auch immer!